Landarbeiter schliefen über dem Stall

   

geschrieben von Josef Brockerhoff

   

In meiner Kindheit in den 30er Jahren gab es auf den Höfen wenig Technik, aber viele Arbeitskräfte. Die Landwirtschaft war zu dieser Zeit ein großer Arbeitgeber, sowohl für ständig Beschäftigte als auch für Saisonarbeiter. Vielfach begannen die Jugendlichen nach der Entlassung aus der Volksschule eine Ausbildung auf einem Hof, meistens dort, wo auch der Vater beschäftigt war. Den Berufsanfänger nannte man "egg-Jung", der mit der Egge zu arbeiten hatte. Nach einer Einführungszeit durfte er mit einem oder zwei Pferden eggen und walzen. Auf diese Ausbildungsstufe folgte der Baumeister, der mit zwei oder drei Pferden pflügte und mit allen Arbeiten vertraut war. Den Abschluss bildete dann der Meisterknecht, der viel Erfahrung hatte und somit Verantwortung übernehmen konnte.

 Die Anzahl der Beschäftigten richtete sich nach der Betriebsgröße. Die größeren Höfe stellten zum Teil Familien ein. Bei Höfen mit 20 oder 30 Milchkühen halfen auch die Kinder mit bei der Arbeit. Die Familien  lebten im sogenannten Arbeiterhaus innerhalb der Hofgebäude oder gleich neben der Hofstelle. Sie erhielten neben Lohn ihr Deputat: ein bis zwei Mastschweine, Milch, Kartoffeln, Brandmaterial und freies Wohnen. Bad oder Dusche gab es in den Häusern nicht.

 Die Mehrzahl der Höfe beschäftigte ledige Kräfte, den Melker bzw. den Schweizer, der für die Kühe, Kälber und Rinder zuständig war, den Pferdeknecht und die Magd oder die Mägde für Haus und Hof. Die Ledigen wurden voll vom Hof beköstigt. Ihr Ess- und Aufenthaltsraum war im Haus gleich neben der Küche, wo auch ein Ofen stand. Die Dachkammern über den Ställen waren oft zum Gotterbarmen. Der Pferdeknecht fand seine Schlafkammer über dem Pferdestall. Eine Treppe führte vom Stall aus in die bescheidene Behausung. Das Metallbett war meist angerostet, die Matratzenfüllung bestand aus Haferstroh oder Getreidespreu (Kaaf). Im Zimmer standen ein Schrank, Tisch und Stuhl. Ein kleines Dachfenster ließ etwas Tageslicht hinein. Der Melker hatte über dem Kuhstall den gleichen "Komfort". Die Magd oder Mägde hatten ihre Kammer im Wohnhaus hoch oben auf dem Speicher unter dem Dach. Die Kammern waren um den Kamin angelegt, so dass auch eine Wärmemöglichkeit bestand. Der Weg dorthin führte an Brot und Saatgetreide vorbei, das dort neben Bohnen und Erbsen gelagert wurde. Für die Körperpflege und als Waschgelegenheit stand im Sommer wie im Winter ein Eimer Wasser bereit. Es war erstaunlich, ja heute einfach nicht vorstellbar: Trotz der ärmlichen Verhältnisse konnten sich diese Leute sehen lassen und vielen nicht auf.

 Da es in der Landwirtschaft so gut wie keine Technik gab, musste die meiste Arbeit von Hand erledigt werden: die tägliche Versorgung der Kühe, die Fütterung und Pflege an jedem Morgen und Abend war sehr aufwendig. Der Arbeitstag war sehr lang und umfasste auch den Samstagnachmittag mit Ausnahme der Winterzeit. Den Ausspruch: "Ich wünsche ein schönes Wochenende!" oder "Null Bock" kannte man da noch nicht. Es hieß vielmehr: "Tragen, heben und sich bewegen, das bringt Segen".

 Die meisten Beschäftigten fühlten sich mit dem Hof und der Bauernfamilie eng verbunden. Wenn sie im Dorf oder bei Bekannten erzählten, hieß es: "Bei uns auf dem Hof..." oder "Wir haben das so gemacht...", "Wir sind weit mit der Ernte...", "Wir hatten Glück...". Sie liebten die Natur. Obwohl sie keine Wetterkarte kannten, verstanden sie doch viel vom Wetter. Sie waren zum Teil genaue Beobachter von Wolken, Windrichtungen, des Himmelszeltes sowie der Tierwelt und konnten daraus Schlüsse für die kommenden Witterungsabläufe ziehen, ob es zum Beispiel ratsam ist, Heu zu machen oder nicht.

Auch im Winter gab es viel zu tun. Die Scheune musste leergedroschen und das tägliche Futter aufbereitet werden. Das Abkalben der Kühe und das Abfohlen der Pferde geschah überwiegend in den Wintermonaten. Manche Nacht wurde gewacht, um bei einer Geburt nichts zu versäumen. Zweimal im Jahr wurde Stallmist ausgefahren, zum Ausgang des Winters und nach der Ernte. Es hieß dann: "Wir mösse de Mist leerfahre". Tagelang erfolgten die gleichen Handgriffe: aufladen auf den zweirädigen niederrheinischen Schlagkarren, bespannt mit einem Pferd, im Feld auf Haufen von der Karre abziehen und mit der Mistgabel ausbreiten. Es gab Arbeiten, die heute kaum noch jemand ausführen kann. da hieß es zu Wintersende: "Schmilzt der Schnee, streue deinen Klee!" Klee ist ein sehr feiner, kleinkörniger Samen, der mit großem Geschick von Handgleichmäßig ausgebracht werden musste, zwei bis drei Pfund je Morgen. Eine andere Aufgabe bestand darin, die ganze Getreidefläche mit je einem Zentner Dünger pro Morgen von Hand zu bestreuen. Dies geschah mit Hilfe eines Streukastens, der an einem Gurt hängend vor dem Bauch getragen wurde. Je nach Furchenlänge befanden sich in dem Streukasten bis zu 70 Pfund Dünger.