Mit einem einzigen Pferd alle Arbeiten bewältigen

geschrieben von Josef Brockerhoff, 
Mitglied des Geschichtskreises Otzenrath-Spenrath

Jede Generation durchlebt ihre Zeit. Der Zeitabschnitt unserer Vorfahren sah anders aus als heutzutage. ... So war das Leben auf dem Land dadurch gekennzeichnet, dass sich im Dorf drei Bereiche fast völlig deckten. Wo man wohnte und lebte, dort oder in der nächsten Umgebung wurde meist der erlernte Beruf ausgeübt, verbunden mit einem festen Arbeitsplatz. Hier verbrachten die Menschen zur damaligen Zeit auch ihre geringe Freizeit. Den Ausspruch am Freitag "Schönes Wochenende" gab es noch nicht. Was hat sich alles geändert oder verändert? Die Vielzahl der kleinen Handwerksbetriebe gibt es nicht mehr im Dorf. Zu meiner Jugendzeit in Wittlaer vor etwa 60 - 70 Jahren war die Zahl der kleinen Höfe größer als die der mittleren. Man nannte diese Höfe "Einspänner". Mit einem einzigen Pferd bearbeiteten die Bauern ihre kleine Scholle. Die Familien waren meist groß. Oft lebten auch unverheiratete Geschwister oder die Großeltern auf dem Hof. Die Unverheirateten nannte man Tant und Ohm. Diese Familienbetriebe waren eigenständig und brauchten für ihren Ablauf keine fremde Arbeitskraft. Sie verstanden es, mit sehr geringem Aufwand ein Ein- und somit Auskommen zu schaffen. Gearbeitet wurde meist rund um die Uhr - so lange es Tag war. Mit einer 40-Stunden-Woche war ein solcher Betrieb nicht existenzfähig, wenn am Samstag um 18 Uhr der Sonntag eingeläutet wurde, ging die Woche zu Ende. Auf diesen Höfen hatte das Vieh fast Familienanschluss. Intensive Pflege und Betreuung genossen zwei, drei Kühe, einige Mastschweine und Federvieh in vielen Arten. An manchem Wochenende wurde ein Huhn oder Hahn geschlachtet. Die Eigenversorgung war damit abgedeckt. Alle pflanzlichen Abfälle sowie die Abfälle von der Küche fanden Verwendung. Sogar das Spülwasser landete im Schweinetrog. Vielfach gab es von der Küche aus gleich einen Zugang zum Stall. Dies hatte den Vorteil, dass alles, was sich im Stall abspielte, einsichtig war.

Auf dem Feld standen vielerlei Früchte im Anbau. Mit Pferd und Wagen fuhr man wöchentlich zum Markt. In den dreißiger Jahren gab es einen weiteren Fortschritt auf dem Sektor Transportmittel durch die Kleinlastwagen auf drei Rädern "Tempo" und "Goliath". Für die Landbestellung kam noch der so genannte Hunspflug zum Einsatz - etwa seit dem 18. Jahrhundert. Er  fand Verwendung beim Aufbrechen oder Stülpen der Stoppelfelder, aber auch beim Ausheben der Kartoffel. Der Name Hunspflug, mundartlich Hongsplog, hat nichts mit dem Hund zu tun, sondern mit dem Wort Honschaft (Bauernschaft, Gemeinde). Die Honschaft stellte früher den Kleinbetrieben den Pflug reihum zur Verfügung. Zum Pflügen mit einem Pferd gebrauchte man den Wendepflug. Eine Holz-Egge mit 24 Holzzinken von ca. 40 cm Länge ebnete die Pflugfurchen ein und lockerte die Ackerkrume. Für alle Güter, die es zu bewegen gab, stand die niederrheinische Schlagkarre mit Kippvorrichtung bereit. Für die Getreideernte wurden die Seitenwände, der Kastenaufbau, abmontiert. Man brachte nach vorn und nach hinten überstehende Leitern an, um die Ladefläche zu vergrößern. Das Pferd konnte alle im Laufe des Jahres anfallende Arbeiten bewältigen. Auf Zuruf ging es weiter oder blieb stehen. Bauer und Pferd waren unzertrennlich. Jeder legte großen Wert darauf, ein schönes, gutes, treues Pferd zu haben.

Niemals vor unserer Zeit hat es so viele Maschinen und Geräte für Haus und Hof gegeben, die der Zeitersparnis, ja dem Zeitgewinn dienen sollen. Aber zu keiner Zeit war das Bewusstsein, keine Zeit zu haben, so ausgeprägt wie heute. Wir leben unter der Herrschaft, unter dem Diktat der Zeit, die zu verrinnen scheint. Es wird gehetzt, man ist kurzatmig, es soll immer schneller und noch besser werden - um Zeit zu gewinnen und sie dabei doch zu verlieren. Gelassenheit ist weithin abhanden gekommen. Unsere moderne Zeit hat die Ewigkeit verloren, indem sie der Zeitlichkeit anheim fällt. Was sich eben noch als Gegenwärtig behauptet, verschwindet schon bald wieder. Tatsächlich wird ja das, was nicht mehr gelten soll, nicht etwa als "falsch" oder "schlecht" verworfen: Vielmehr genügt das Urteil "von gestern", und eine weitere Diskussion erübrigt sich. Was hat über das Heute hinaus Gültigkeit? Was gibt es noch für Maßstäbe? Wie wollen und sollen wir mit der Zeit hier und heute umgehen? Welchen Boden haben wir unter den Füßen, von dem aus wir Fragen an die Zeit stellen, wenn nur noch Schnelligkeit, Größe und Masse geradezu ein Gebot sind.